Frauenarbeit in der Familiengeschichte der Nisius-Familien
Das Schweigen der Quellen
Wer historische Kirchenbücher und Standesamtsregister durchforstet, stößt auf ein wiederkehrendes Muster: Bei Männern finden sich detaillierte Berufsangaben – Ackerer, Winzer, Schmied, Tagelöhner. Bei Frauen hingegen herrscht Stille. Ehefrau, Witwe, bestenfalls Tochter des – mehr verraten die Quellen selten. Als hätten Frauen nicht gearbeitet. Als wäre ihr Beitrag zum Überleben der Familie unsichtbar gewesen.
Diese Unsichtbarkeit ist kein Zufall. Sie spiegelt eine Gesellschaftsordnung wider, in der Frauenarbeit systematisch nicht als Arbeit galt. Was Frauen taten – und sie taten viel – wurde als selbstverständliche Pflicht betrachtet, nicht als dokumentierungswürdige Tätigkeit. Die Folge: In der Geschichtsschreibung fehlt die Hälfte der Geschichte.
Was Frauen wirklich arbeiteten
Die Realität in den Eifeldörfern des 18. und 19. Jahrhunderts sah völlig anders aus als die Quellen vermuten lassen. Frauen waren keine passiven Hausfrauen im modernen Sinn – sie waren unverzichtbare Arbeitskräfte in einer Wirtschaft, die auf dem Zusammenwirken aller Familienmitglieder beruhte.
Landwirtschaft und Weinbau
In den Winzerfamilien an der Mosel arbeiteten Frauen Seite an Seite mit den Männern in den steilen Weinbergen. Sie halfen bei der Lese, banden Reben, schleppten Trauben. Im Ackerbau der Eifel säten und ernteten sie, versorgten das Vieh, melkten die Kühe. Diese Arbeit war körperlich anspruchsvoll und zeitintensiv – aber in keinem Dokument als Beruf verzeichnet.
Haushaltsproduktion
Der vormoderne Haushalt war eine Produktionseinheit, kein Ort des Konsums. Frauen stellten her, was die Familie zum Leben brauchte: Sie spannen Wolle und Flachs, webten Stoffe, nähten Kleidung. Sie konservierten Lebensmittel, brauten Bier, buken Brot, kochten für Großfamilien mit drei Generationen unter einem Dach. Sie stellten Kerzen und Seife her, sammelten Heilkräuter, pflegten Kranke.
Handel und Markt
Viele Frauen waren im Kleinhandel aktiv. Sie verkauften Eier, Butter, Gemüse und selbst hergestellte Waren auf den Wochenmärkten der umliegenden Städte. Manche betrieben kleine Läden oder Schankwirtschaften. Diese Tätigkeiten brachten oft das einzige Bargeld in bäuerliche Haushalte – aber sie erscheinen nicht in den offiziellen Registern.
Lohnarbeit
Besonders in ärmeren Familien gingen Frauen zusätzlich einer Lohnarbeit nach: als Mägde, Wäscherinnen, Näherinnen, Tagelöhnerinnen. Auch diese Arbeit ist nur sporadisch dokumentiert, meist erst dann, wenn eine Frau unverheiratet oder verwitwet war und somit als eigenständige Person in Erscheinung trat.
Warum die Quellen schweigen
Die systematische Nicht-Dokumentation von Frauenarbeit hatte mehrere Ursachen:
Rechtliche Unsichtbarkeit: Verheiratete Frauen hatten in der vormodernen Gesellschaft keine eigenständige Rechtspersönlichkeit. Sie waren dem Ehemann untergeordnet und handelten rechtlich durch ihn. Dokumente erfassten den Haushaltsvorstand – und das war der Mann.
Wirtschaftliche Definition: Als Arbeit galt, was Geld einbrachte oder einen offiziellen Status hatte. Die unbezahlte Arbeit im Haushalt und auf dem Hof fiel nicht in diese Kategorie, obwohl sie ökonomisch unverzichtbar war.
Steuerliche Irrelevanz: Kirchenbücher und staatliche Register dienten praktischen Zwecken – der Erfassung von Steuerpflichtigen, Wehrfähigen, Erbberechtigten. Frauen waren in diesen Kategorien meist unsichtbar.
Kulturelle Normen: Die Arbeit der Frau galt als natürliche Bestimmung, nicht als Beruf. Sie war so selbstverständlich, dass niemand auf die Idee kam, sie zu dokumentieren.
Die Nisius-Frauen: Spurensuche
Auch in der Familiengeschichte der Nisius-Familien zeigt sich dieses Muster. Von den über 500 erfassten Personen in der Ahnendatenbank haben die meisten Frauen keine Berufsangabe. Doch zwischen den Zeilen lassen sich Spuren finden:
Anna Maria Nisius (1784–1851) wird in der Sterbeurkunde als Ackersfrau bezeichnet – eine der seltenen expliziten Berufsangaben für eine Frau. Sie verweist darauf, dass Anna Maria als vollwertige Arbeitskraft auf dem Hof galt.
Catharina Nisius (1812–1889) erscheint in amerikanischen Census-Daten als keeping house. Diese Formulierung war in den USA üblich und macht zumindest die Haushaltsführung sichtbar – wenn auch ohne sie als Arbeit anzuerkennen.
Margaretha Nisius (1756–1831) führte nach dem Tod ihres Mannes den Hof allein weiter und erscheint in späteren Dokumenten als Witwe und Ackerin. Erst der Verlust des Ehemannes machte ihre Arbeit aktenkundig.
Sichtbar machen: Eine Visualisierung
Die folgende Infografik macht das Ausmaß der Unsichtbarkeit deutlich. Sie zeigt den Anteil der Personen in der Nisius-Familiengeschichte mit und ohne dokumentierte Berufsangabe.
Was wir daraus lernen
Die Unsichtbarkeit von Frauenarbeit in historischen Quellen ist kein Beweis dafür, dass Frauen nicht gearbeitet haben. Sie ist ein Beleg für die Grenzen unserer Überlieferung – und eine Mahnung zur Quellenkritik.
Wer Familiengeschichte erforscht, sollte die Abwesenheit von Informationen nicht mit der Abwesenheit von Aktivität verwechseln. Die Frauen in unseren Stammbäumen haben gearbeitet, oft härter und länger als die Männer. Dass wir ihre Berufe nicht kennen, sagt mehr über die Gesellschaft aus, die diese Quellen produziert hat, als über die Frauen selbst.
Die genealogische Forschung kann dazu beitragen, diese unsichtbare Hälfte der Geschichte sichtbar zu machen – indem wir zwischen den Zeilen lesen, Kontexte rekonstruieren und die Leistungen unserer Vorfahrinnen würdigen.
Weiterlesen
- Die Nisius-Chronik – Die vollständige Familiengeschichte
- Die Berufe der Nisius-Familien – Berufliche Entwicklung über Generationen
Quellen & Literatur
- Wunder, Heide: „Er ist die Sonn‘, sie ist der Mond“. Frauen in der Frühen Neuzeit. München 1992.
- Hausen, Karin: „Die Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere‘.“ In: Conze, Werner (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgart 1976.
- Medick, Hans: Weben und Überleben in Laichingen 1650–1900. Göttingen 1996.
- Kirchenbücher der Pfarreien im Kreis Bernkastel-Wittlich (Bistumsarchiv Trier)
Diese Seite ist Teil der Nisius Chronik – einem Forschungsprojekt zur Geschichte der Familie Nisius in der Eifel und Amerika.
