Das Leben in Wisconsin: Nisius Einwanderer im American Heartland

Deutsche Einwandererfamilie vor ihrer Blockhütte in Wisconsin um 1865 – Vater mit Axt, Mutter und zwei Kinder in einfacher Kleidung, umgeben von gerodeter Waldfläche

Ankunft in der Neuen Welt

Nach Wochen auf dem Atlantik und einer beschwerlichen Weiterreise durch das amerikanische Hinterland erreichten die Nisius-Familien schließlich ihr Ziel: Wisconsin. Der Bundesstaat am Westufer des Michigansees wurde zwischen 1840 und 1890 zur Heimat von Hunderttausenden deutscher Einwanderer. Doch was erwartete sie dort? Wie lebten sie, arbeiteten sie, und wie bewahrten sie ihre Identität in der Neuen Welt?

Die Ankunft in Wisconsin war kein Ende, sondern ein Anfang. Die Überfahrt hatte die Ersparnisse aufgezehrt, die Familien waren erschöpft, und vor ihnen lag eine Wildnis, die erst in fruchtbares Ackerland verwandelt werden musste. Und doch: Für die meisten deutschen Einwanderer war Wisconsin ein Ort der Hoffnung. Hier konnten sie etwas erreichen, was in der überfüllten Eifel unmöglich geworden war – eigenes Land besitzen und ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten.

Dieser Artikel zeichnet das Leben der deutschen Auswanderer in Wisconsin nach – von den ersten harten Jahren der Siedlung bis zur Entstehung blühender deutsch-amerikanischer Gemeinschaften, die den Bundesstaat bis heute prägen.


Warum Wisconsin? Die Anziehungskraft des Mittleren Westens

Das Versprechen von eigenem Land

Für einen Tagelöhner aus der Eifel war Landbesitz ein unerreichbarer Traum. Die kleinen Parzellen der Moselregion wurden von Generation zu Generation weiter aufgeteilt, bis sie kaum noch eine Familie ernähren konnten. Wisconsin hingegen bot etwas, das in Europa undenkbar schien: scheinbar unbegrenztes Land zu erschwinglichen Preisen.

In den 1840er Jahren kostete ein Acre Bundesland nur etwa 1,25 Dollar – umgerechnet etwa zwei Taler. Für einen Betrag, der in der Heimat gerade für ein paar Monate Miete gereicht hätte, konnte ein Einwanderer in Wisconsin genug Land kaufen, um eine ganze Farm zu gründen. Der Homestead Act von 1862 machte das Angebot noch verlockender: Wer bereit war, 160 Acres Land fünf Jahre lang zu bewirtschaften, erhielt es praktisch kostenlos.

Diese Zahlen verbreiteten sich wie ein Lauffeuer durch die Dörfer der Eifel. In Briefen nach Hause – den sogenannten „America Letters“ – berichteten frühe Auswanderer von den unglaublichen Möglichkeiten. Ein einziger solcher Brief, vorgelesen im Dorfgasthaus, konnte Dutzende weitere Auswanderungen auslösen.

Mancher Auswanderer malte das Leben in Wisconsin rosiger, als es war. So entstand manche Legende von Milch und Honig, die erst bei der Ankunft auf dem Boden der Tatsachen landete – einem Boden, der erst noch gerodet werden musste.

Ein Stück Heimat in der Fremde

Wisconsin war nicht zufällig das Ziel so vieler deutscher Einwanderer. Die Landschaft erinnerte viele an ihre Heimat: sanft geschwungene Hügel wie in der Eifel, dichte Wälder, die Bau- und Brennholz lieferten, und fruchtbare Böden, die Weizen, Kartoffeln und Gemüse gedeihen ließen. Das gemäßigte Klima mit seinen vier deutlich ausgeprägten Jahreszeiten fühlte sich vertraut an – auch wenn die Winter härter waren als an der Mosel.

Für die Einwanderer aus der rauen Eifel war die Kälte kein Hindernis. Sie kannten harte Winter, sie kannten karge Böden, und sie wussten, wie man mit wenig auskommt. Was sie in Wisconsin vorfanden, war herausfordernd, aber machbar. Und vor allem: Es gehörte ihnen.

Die Macht der Kettenmigration

Kein Einwanderer kam ins Unbekannte. Die Nisius-Familien, wie die meisten deutschen Auswanderer, folgten den Spuren von Verwandten, Nachbarn und Landsleuten, die vor ihnen gegangen waren. Als Johann Peter Nisius 1854 in Washington County ankam, fand er bereits eine kleine Gemeinschaft von Moselländern vor, die ihm bei den ersten Schritten halfen.

Diese Kettenmigration war der Schlüssel zum Erfolg der deutschen Siedlung in Wisconsin. Wer ankam, wurde von Landsleuten aufgenommen, erhielt Unterkunft, Arbeit und praktische Ratschläge. Oft halfen etablierte Siedler den Neuankömmlingen beim Landkauf, bei der Beschaffung von Werkzeugen oder bei der Suche nach Arbeit auf einer Farm, bis genug Geld für eine eigene Siedlung gespart war.

Die Briefe, die nach Europa zurückgingen, enthielten nicht nur Berichte vom neuen Leben, sondern oft auch konkrete Anweisungen: Welchen Hafen man nehmen sollte, welche Route ins Landesinnere die beste war, und vor allem – zu wem man gehen sollte, wenn man in Wisconsin ankam.


Der „German Belt“: Wo sich die Deutschen niederließen

Eine Region prägt sich deutsch

Die deutschen Einwanderer verteilten sich nicht gleichmäßig über Wisconsin. Sie konzentrierten sich in bestimmten Regionen, wo sie bald die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Der sogenannte „German Belt“ erstreckte sich in einem breiten Band von Milwaukee im Osten bis nach La Crosse im Westen und umfasste einige der fruchtbarsten Landwirtschaftsgebiete des Staates.

In manchen Counties erreichte der Anteil der deutschstämmigen Bevölkerung um 1890 über fünfzig Prozent. Ozaukee County an der Küste des Michigansees war mit etwa der Hälfte deutscher Abstammung eines der „deutschesten“ Gebiete außerhalb Europas. Washington County, wo Johann Peter Nisius siedelte, lag mit etwa 45 Prozent nicht weit dahinter. In diesen Regionen konnte man sein ganzes Leben auf Deutsch führen – vom Gottesdienst über die Schule bis zum Einkauf beim deutschen Krämer.

Milwaukee selbst entwickelte sich zur inoffiziellen Hauptstadt des deutschen Amerika. Die Stadt am Michigansee wurde „German Athens“ genannt – ein Zentrum deutscher Kultur, Bildung und Wirtschaft. Hier erschienen deutschsprachige Zeitungen, hier trafen sich Turnvereine und Gesangvereine, und hier brauten deutsche Einwanderer das Bier, das Milwaukee zur „Bierhauptstadt der Welt“ machen sollte.

Das Städtchen Germantown wurde von Siedlern gegründet, die offenbar keine Zeit für kreative Namenssuche hatten. Immerhin wusste so jeder sofort, woran er war.

Die Nisius-Siedlungsgebiete

Die verschiedenen Zweige der Nisius-Familie verteilten sich auf drei benachbarte Counties, die alle zum Kerngebiet des German Belt gehörten.

Washington County wurde zur ersten Heimat von Johann Peter Nisius, der 1854 als einer der frühen Nisius-Auswanderer ankam. Das County, nur etwa 30 Meilen nordwestlich von Milwaukee gelegen, bot fruchtbares Ackerland, das von früheren deutschen Siedlern bereits erschlossen worden war. Die rolling hills erinnerten an die Heimat, und die Nähe zu Milwaukee bot Zugang zu Märkten und deutscher Infrastruktur.

In Dodge County ließ sich 1867 die Familie von Matthias Nisius mit fünf Kindern nieder. Dieses Gebiet im Herzen Wisconsins war bekannt für seine ausgezeichneten Bedingungen für Milchwirtschaft – eine Spezialisierung, die deutsche Einwanderer mit ihrem Wissen über Käseherstellung und Viehzucht besonders erfolgreich betrieben.

Ozaukee County an der Küste des Michigansees wurde 1886 zur Heimat von Nikolaus und Anna Maria Nisius. Als sie ankamen, fanden sie eine bereits gut etablierte deutsche Gemeinschaft vor, mit katholischen Kirchen, deutschen Schulen und einem dichten Netz sozialer Einrichtungen.


Die ersten Jahre: Aufbau einer Farm in der Wildnis

Von der Wildnis zum Ackerland

Die Ankunft auf dem eigenen Land war ein Moment des Stolzes – und der Ernüchterung. Was auf dem Papier als „Farm“ bezeichnet wurde, war in Wirklichkeit dichter Wald oder verwachsenes Buschland. Bevor auch nur ein Korn gesät werden konnte, musste das Land gerodet werden, und das war eine Arbeit, die Jahre dauern konnte.

Ein kräftiger Mann konnte in einer Saison etwa zwei bis drei Acres urbar machen – wenn er Glück hatte und nicht durch Krankheit, Unfälle oder extreme Wetterbedingungen aufgehalten wurde. Die Bäume mussten gefällt, die Stümpfe ausgegraben, die Wurzeln entfernt und der Boden gepflügt werden. Jeder einzelne Acre bedeutete Wochen harter körperlicher Arbeit mit Axt, Säge und Spaten.

Die ersten Unterkünfte waren primitiv: kleine Blockhütten aus unbehauenen Stämmen, oft nur mit einem einzigen Raum, in dem die ganze Familie lebte, aß und schlief. Ein Kamin oder eiserner Ofen spendete Wärme und diente zum Kochen. Fenster waren ein Luxus, den sich viele erst nach Jahren leisten konnten – anfangs genügten mit geöltem Papier bespannte Öffnungen.

Ein solches Blockhaus konnte von einer Familie in wenigen Wochen errichtet werden – vorausgesetzt, man hatte die nötigen Werkzeuge und etwas Erfahrung. Die Ritzen zwischen den Stämmen wurden mit Moos und Lehm abgedichtet, das Dach bestand aus Holzschindeln oder manchmal nur aus Rinde. Im ersten Winter war es oft bitterkalt, aber es war ein Anfang.

Erst nach Jahren, wenn die Farm erste Erträge abwarf und etwas Geld übrig war, konnte ein richtiges Farmhaus aus gesägten Brettern oder sogar aus Stein gebaut werden. Manche Familien lebten zehn Jahre oder länger in ihren ursprünglichen Blockhäusern.

Visualisierung zum Farmaufbau

Was ein Siedler brauchte

Die Grundausstattung eines Siedlers war überschaubar, aber nicht billig. Eine gute Axt – das wichtigste Werkzeug für die Rodung – kostete etwa zwei bis drei Dollar. Ein Pflug für die Bodenbearbeitung schlug mit zehn bis fünfzehn Dollar zu Buche. Dazu kamen eine Sense für die Ernte, Saatgut für die erste Aussaat, und wenn möglich eine Kuh für Milch und ein oder zwei Schweine für die Fleischversorgung.

Alles zusammengenommen benötigte eine Familie etwa fünfzig bis hundert Dollar, um eine minimale Farmgründung zu finanzieren – zusätzlich zu den bereits aufgewendeten Reisekosten. Für die meisten Einwanderer, die nach der Überfahrt kaum noch Geld hatten, bedeutete das: Sie mussten zunächst als Knechte oder Mägde auf etablierten Farmen arbeiten, bis sie genug gespart hatten, um ihre eigene Siedlung zu beginnen.

Diese ersten Jahre als Landarbeiter waren hart, aber sie dienten auch als Lehrzeit. Die Neuankömmlinge lernten die amerikanischen Anbaumethoden kennen, gewöhnten sich an das Klima und knüpften Kontakte, die ihnen später beim Aufbau der eigenen Farm helfen würden.

Der Rhythmus des Farmjahres

Das Leben auf einer Wisconsin-Farm folgte dem unerbittlichen Rhythmus der Jahreszeiten. Es gab keine Wochenenden, keine Feiertage – die Tiere mussten jeden Tag versorgt werden, und die Arbeit auf dem Feld duldete keinen Aufschub.

Der Frühling begann mit der Schneeschmelze, die das Land in ein schlammiges Chaos verwandelte. Sobald der Boden bearbeitbar war, wurde gepflügt und gesät – Weizen, Hafer, Gerste, Kartoffeln. Gleichzeitig kamen die Kälber und Lämmer zur Welt, die rund um die Uhr Aufmerksamkeit verlangten. Der Frühling war eine Zeit der Hoffnung, aber auch der Erschöpfung.

Im Sommer stand die Heuernte an – backbrechende Arbeit unter brennender Sonne. Das Heu musste geschnitten, getrocknet und in der Scheune eingelagert werden, bevor der Regen es verdarb. Daneben galt es, die Felder von Unkraut freizuhalten, den Gemüsegarten zu pflegen und Reparaturen an Gebäuden und Zäunen vorzunehmen.

Der Herbst war die arbeitsreichste Zeit des Jahres. Die Getreideernte musste eingebracht werden, bevor die ersten Fröste kamen. Die Kartoffeln wurden ausgegraben und eingelagert. Schweine wurden geschlachtet, das Fleisch gepökelt und geräuchert, um den Winter zu überstehen. Jeder Tag zählte, denn was nicht rechtzeitig erledigt wurde, konnte nicht nachgeholt werden.

Der Winter brachte eine andere Art von Arbeit. In den kurzen, kalten Tagen wurde Holz geschlagen für das nächste Jahr, Werkzeuge wurden repariert, Butter wurde hergestellt und verkauft. Die Frauen spannen und webten, die Männer besserten Geschirr und Geräte aus. Es war die Zeit, in der die Familie am engsten zusammenrückte – buchstäblich, denn oft war die Küche der einzige beheizte Raum.

Die Wisconsin-Winter stellten selbst hartgesottene Eifeler vor neue Herausforderungen. Ein beliebter Witz unter den deutschen Siedlern: „In Wisconsin gibt es zwei Jahreszeiten: Winter und Straßenbau.“ Die Pointe funktioniert bis heute, und wer einmal im Januar in Milwaukee war, weiß warum.

Das Farmjahr in Wisconsin


Wirtschaft und Arbeit: Vom Überleben zum Wohlstand

Wisconsin wird zum „Dairy State“

In den ersten Jahrzehnten konzentrierten sich die deutschen Farmer auf den Anbau von Weizen – das „weiße Gold“ des Mittleren Westens. Doch im Laufe der Zeit verschlechterten sich die Böden durch einseitige Nutzung, und die Konkurrenz aus den noch fruchtbareren Präriegebieten weiter westlich drückte die Preise. Die deutschen Einwanderer, bekannt für ihre Anpassungsfähigkeit, reagierten mit einer Spezialisierung, die Wisconsin bis heute prägt: der Milchwirtschaft.

Deutsche und Schweizer Einwanderer brachten jahrhundertealtes Wissen über Käseherstellung mit. Sie verstanden es, Milch in haltbare Produkte zu verwandeln, die auch über weite Strecken transportiert werden konnten. Kleine Käsereien entstanden überall im German Belt, oft von einzelnen Farmerfamilien betrieben. Um 1900 war Wisconsin zum führenden Käseproduzenten der Vereinigten Staaten aufgestiegen – ein Titel, den der Staat bis heute beansprucht.

Die Umstellung auf Milchwirtschaft veränderte auch den Arbeitsrhythmus. Kühe müssen jeden Tag gemolken werden, morgens und abends, sieben Tage die Woche. Es war eine Arbeit, die Disziplin erforderte, aber auch eine gewisse Sicherheit bot: Im Gegensatz zu einer Weizenernte, die durch Hagel oder Dürre vernichtet werden konnte, lieferten die Kühe das ganze Jahr über ein stabiles Einkommen.

Die Brauereien von Milwaukee

Während die Farmer auf dem Land Käse produzierten, schufen deutsche Einwanderer in Milwaukee eine andere Industrie, die den Namen der Stadt in die ganze Welt tragen sollte: das Bierbrauen. Namen wie Pabst, Schlitz, Miller und Blatz sind bis heute bekannt – alles deutsche Einwandererfamilien, die in Milwaukee ihr Glück machten.

Die Brauereien boten Arbeitsplätze für Tausende und prägten das wirtschaftliche und soziale Leben der Stadt. Milwaukee wurde zur „Bierhauptstadt der Welt“, und deutsche Braukultur durchdrang alle Aspekte des Stadtlebens. Die großen Brauereien sponsorten Turnvereine und Gesangvereine, finanzierten den Bau von Konzerthallen und Parks, und trugen dazu bei, dass Milwaukee zu einem Zentrum deutscher Kultur in Amerika wurde.

Der Name „Nisius“ führt über den Heiligen Dionysius zurück zum griechischen Weingott. Dass ausgerechnet diese Familie im Bierland Wisconsin landete, hätte Dionysos vermutlich amüsiert – Hauptsache Fest.

Die Berufe der Nisius-Familien

Die verschiedenen Zweige der Nisius-Familie folgten dem typischen Muster deutscher Einwanderer in Wisconsin. Die erste Generation – Johann Peter, Matthias, Nikolaus und die anderen – waren fast ausnahmslos Farmer. Sie rodeten Land, bauten Farmen auf und etablierten ihre Familien in der neuen Heimat.

Margaretha Nisius, die 1871 als alleinstehende junge Frau auswanderte, arbeitete zunächst als Dienstmädchen in Milwaukee, bevor sie einen Farmer heiratete und selbst zur Farmersfrau wurde. Ihr Lebensweg zeigt, wie selbst alleinstehende Frauen in Wisconsin Fuß fassen konnten – wenn auch innerhalb der engen gesellschaftlichen Grenzen ihrer Zeit.

Die zweite und dritte Generation diversifizierte sich zunehmend. Einige blieben auf den Farmen der Eltern oder gründeten eigene landwirtschaftliche Betriebe. Andere zogen in die Städte und wurden Handwerker, Händler oder Beamte. Die vierte Generation ergriff oft akademische Berufe – Ärzte, Lehrer, Ingenieure – und vollzog damit den Aufstieg, den sich ihre Urgroßeltern erhofft hatten, als sie die Eifel verließen.


Gemeinschaft und Kultur: Die deutsche Welt in Wisconsin

Das Zentrum des Lebens: Die Kirchengemeinde

Für die deutschen Einwanderer war die Kirchengemeinde weit mehr als ein Ort der religiösen Andacht. Sie war das Zentrum des sozialen Lebens, ein Stück Heimat in der Fremde, ein Ort, an dem man unter seinesgleichen war. Hier wurde auf Deutsch gepredigt, hier wurden die Kinder in der Sprache der Eltern konfirmiert oder gefirmt, hier traf man Landsleute aus der alten Heimat.

Die Nisius-Familien, aus der katholischen Moselregion stammend, schlossen sich den katholischen Gemeinden ihrer jeweiligen Counties an. Diese Gemeinden waren nach Herkunftsregionen oder Dialektgruppen organisiert – es gab „Rheinländer“-Kirchen und „Bayern“-Kirchen, und manchmal auch Spannungen zwischen ihnen. Aber für die Moselländer wie die Nisius-Familien boten die rheinländisch geprägten Gemeinden eine vertraute geistige Heimat.

Die Kirchenbücher dieser Gemeinden sind heute unschätzbare Quellen für die Familienforschung. Auf Deutsch geführt, oft in der Handschrift eines Pfarrers aus Bayern oder dem Rheinland, dokumentieren sie Taufen, Heiraten und Todesfälle über Generationen hinweg. In ihnen lässt sich die Geschichte der deutschen Einwanderer nachlesen – und oft auch ihre allmähliche Amerikanisierung, wenn ab etwa 1900 zunehmend englische Einträge auftauchen.

In manchen Gegenden gab es sogar getrennte deutsche Wirtshäuser – eines für die Katholiken, eines für die Protestanten. Beim Bier verstand man offenbar keinen Spaß.

Vereine: Das Rückgrat der deutschen Gemeinschaft

Neben der Kirche prägten die Vereine das deutsche Gemeinschaftsleben in Wisconsin. Die Deutschen brachten ihre Vereinskultur mit über den Atlantik und gründeten in jeder Stadt, in jedem Dorf Organisationen, die das soziale Leben strukturierten.

Die Turnvereine waren mehr als Sportclubs. Sie verfolgten das Ideal des „Turnvater Jahn“ – körperliche Ertüchtigung als Grundlage einer freien, aufgeklärten Bürgerschaft. Politisch standen sie oft auf der progressiv-liberalen Seite, und während des Bürgerkriegs stellten die Turnvereine überproportional viele Soldaten für die Unionsarmee.

Die Gesangvereine pflegten deutsches Liedgut und veranstalteten regelmäßige Konzerte und Sängerfeste. Für viele Einwanderer war das gemeinsame Singen ein emotionaler Anker, eine Verbindung zur Heimat. Die Lieder, die sie sangen – Volkslieder aus der Eifel, der Pfalz, aus Bayern – hielten die Erinnerung an das alte Land wach.

Schützenvereine organisierten Schützenfeste nach deutschem Vorbild – mehrtägige Feiern mit Wettkämpfen, Tanz und reichlich Bier. Die Unterstützungsvereine boten gegenseitige Hilfe in Notfällen: Wenn ein Mitglied krank wurde oder starb, sprangen die anderen ein mit Geld, Arbeitskraft oder praktischer Hilfe für die Hinterbliebenen.

Die deutsche Presse: Nachrichten aus zwei Welten

Wisconsin hatte eine bemerkenswert lebendige deutschsprachige Presselandschaft. Allein in Milwaukee erschienen mehrere Tageszeitungen auf Deutsch, darunter die einflussreiche Germania. In fast jeder größeren Stadt gab es mindestens eine deutschsprachige Wochenzeitung, und selbst kleine Gemeinden hatten oft ein deutsches Lokalblatt.

Diese Zeitungen berichteten aus zwei Welten: Sie informierten über lokale Ereignisse in Wisconsin, über Politik in Washington und über die Angelegenheiten der deutschen Gemeinschaft. Gleichzeitig druckten sie Nachrichten aus Deutschland, hielten die Leser über Entwicklungen in der alten Heimat auf dem Laufenden und pflegten die Verbindung über den Atlantik.

Für viele ältere Einwanderer, die nie richtig Englisch gelernt hatten, waren diese Zeitungen das einzige Fenster zur Welt außerhalb ihrer unmittelbaren Umgebung. Für die jüngere Generation, die zweisprachig aufwuchs, waren sie ein Mittel, die deutsche Sprache zu pflegen und die Verbindung zur Herkunftskultur zu bewahren.

Deutsche Institutionen in Wisconsin


Alltag und Familie: Leben auf der deutschen Farm

Das Farmhaus als Lebensmittelpunkt

Das typische deutsche Farmhaus in Wisconsin folgte Mustern, die die Einwanderer aus ihrer Heimat kannten und an die neuen Verhältnisse anpassten. Im Zentrum stand die große Küche mit ihrem gusseisernen Herd – hier wurde gekocht, gegessen, gearbeitet und gelebt. Im Winter war die Küche oft der einzige wirklich warme Raum, und die Familie verbrachte hier die langen Abende.

Die „gute Stube“ – auf Deutsch auch in Wisconsin so genannt – war für besondere Anlässe reserviert: Besuche, Feiertage, Familienfeste. Sie wurde nur geheizt, wenn Gäste kamen, und war mit den besten Möbeln und Erinnerungsstücken aus der alten Heimat ausgestattet. Hier hingen die Familienfotos, hier stand die Familienbibel, hier wurden wichtige Gespräche geführt.

Im Obergeschoss schliefen die Kinder, oft zu mehreren in einem Raum. Platz war knapp, Privatsphäre ein Luxus, den sich Farmerfamilien nicht leisten konnten. Die Nebengebäude – Scheune, Räucherkammer, Milchkeller, Außentoilette – vervollständigten den Hofkomplex und waren ebenso wichtig für das tägliche Leben wie das Wohnhaus selbst.

Essen wie in der Heimat

Die deutsche Küche überlebte den Atlantik und wurde in Wisconsin bewahrt und weiterentwickelt. Sauerkraut, das wichtigste Wintergemüse, wurde auf jeder deutschen Farm selbst eingelegt – der säuerliche Geruch im Herbst, wenn die Krautfässer gefüllt wurden, gehörte zum Jahresrhythmus. Kartoffelgerichte in allen Variationen, Schweinefleisch und Würste, schweres Sauerteigbrot und natürlich Bier prägten den Speisezettel.

Gleichzeitig nahmen die deutschen Einwanderer neue Zutaten auf, die es in der alten Heimat nicht gegeben hatte. Mais wurde zu Cornbread verarbeitet, Truthahn kam auf den Festtagstisch, Ahornsirup süßte das Frühstück, und Kürbis fand seinen Weg in die deutsche Küche. Diese Verschmelzung von alter und neuer Welt schuf eine eigenständige deutsch-amerikanische Küche, die bis heute in Wisconsin lebendig ist.

Bei Baseballspielen der Milwaukee Brewers findet in der sechsten Inning-Pause das „Sausage Race“ statt – ein Wettrennen zwischen Maskottchen in Form von Bratwurst, Polish Sausage, Italian Sausage, Hot Dog und Chorizo. Die Bratwurst – das deutsche Erbe – gewinnt verdächtig oft. Ob das Zufall ist oder lokaler Patriotismus, sei dahingestellt.

Feste und Feiertage: Die Zeit steht still

Der harte Arbeitsalltag wurde durch Feste unterbrochen, die den Jahreskreis markierten und die Gemeinschaft zusammenschweißten. Weihnachten wurde nach deutscher Tradition gefeiert – mit geschmücktem Christbaum, einer Sitte, die die deutschen Einwanderer nach Amerika brachten und die sich von hier aus im ganzen Land verbreitete. Die Kinder erhielten ihre Geschenke am Heiligabend, nicht am Morgen des 25. Dezember wie die „Yankees“.

Hochzeiten waren mehrtägige Angelegenheiten, bei denen die ganze Nachbarschaft eingeladen war. Es wurde gegessen, getrunken und getanzt – traditionelle Volkstänze aus der Heimat, später auch amerikanische Tänze. Das Schlachtfest im Herbst, wenn die Schweine geschlachtet wurden, war gleichzeitig Arbeit und Feier: Die Nachbarn halfen bei der schweren Arbeit und wurden mit frischer Wurst und anderen Leckereien belohnt.

Gleichzeitig übernahmen die deutschen Einwanderer amerikanische Traditionen. Der 4. Juli, der amerikanische Unabhängigkeitstag, wurde mit Feuerwerk und Festessen gefeiert – eine Demonstration der Zugehörigkeit zur neuen Heimat, ohne die alte aufzugeben.


Integration und Identität: Zwischen zwei Welten

Die erste Generation: Deutsch in Amerika

Für die Einwanderer selbst – Johann Peter, Matthias, Nikolaus und die anderen Nisius – blieb Deutschland die Heimat, auch wenn sie nie zurückkehrten. Sie sprachen Deutsch, dachten auf Deutsch, träumten auf Deutsch. Englisch lernten sie nur so weit, wie es für das tägliche Überleben notwendig war – für Geschäfte mit amerikanischen Händlern, für Behördengänge, für die Kommunikation außerhalb der deutschen Gemeinschaft.

Ihre Identität war klar definiert: Sie waren Deutsche, die in Amerika lebten. Die amerikanische Staatsbürgerschaft, die sie erwarben, war ein praktisches Mittel, kein Bekenntnis. Sie ermöglichte Landkauf und Wahlrecht, änderte aber nichts daran, wer sie im Innersten waren.

Die zweite Generation: Zwischen den Welten

Die in Wisconsin geborenen Kinder der Einwanderer wuchsen in zwei Welten auf. Zu Hause sprachen sie Deutsch mit den Eltern, in der Schule lernten sie Englisch, auf dem Spielplatz mischten sie beides. Sie waren zweisprachig und bikulturell – fähig, sich in beiden Welten zu bewegen, nirgends ganz zu Hause.

Diese Generation identifizierte sich als „Deutsch-Amerikaner“: Deutsche Herkunft, amerikanische Zukunft. Sie bewahrten die Traditionen der Eltern, passten sie aber an die neue Umgebung an. Sie besuchten die deutsche Kirche, aber auch den amerikanischen Jahrmarkt. Sie aßen Sauerkraut, aber auch Apple Pie.

Das Englisch der zweiten Generation war oft von charmanten Eigenheiten geprägt. Wer „einmal“ statt „once“ sagte oder Verben am Satzende parkte, outete sich sofort als Kind deutscher Eltern – „Wisconsin Deutsch“ sozusagen, eine Sprache für sich.

Die dritte Generation und der Erste Weltkrieg

Die Enkel der Einwanderer wuchsen bereits mit Englisch als dominanter Sprache auf. Deutsch war die Sprache der Großeltern, nicht mehr die Sprache des täglichen Lebens. Sie verstanden es noch, sprachen es aber selten. Ihre Identität war „amerikanisch mit deutschem Hintergrund“ – das Deutsche war Erbe, nicht Gegenwart.

Der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 markierte einen dramatischen Einschnitt. Praktisch über Nacht wurde alles Deutsche verdächtig. Deutschsprachige Schulen wurden geschlossen, deutsche Zeitungen eingestellt, Straßen und Ortsnamen „amerikanisiert“. Wer öffentlich Deutsch sprach, riskierte Anfeindungen oder Schlimmeres. Sauerkraut wurde zu „liberty cabbage“ umbenannt, deutsche Musik aus den Konzerthallen verbannt.

Viele Familien, darunter auch die Nisius-Nachfahren, gaben in dieser Zeit die deutsche Sprache im öffentlichen Leben auf. Was in drei Generationen aufgebaut worden war – eine blühende deutsch-amerikanische Kultur – wurde in wenigen Jahren zerstört. Die vierte Generation wuchs einsprachig Englisch auf, das Deutsche nur noch eine ferne Erinnerung.

Sprachverlust über vier Generationen

Die Umbenennungswut des Ersten Weltkriegs trieb seltsame Blüten. „Sauerkraut“ wurde zu „liberty cabbage“, „Hamburger“ zu „liberty steak“, und deutsche Schäferhunde mutierten zu „American Alsatians“. Der Name „Nisius“ blieb zum Glück verschont – vielleicht war er den Patrioten zu unaussprechlich, um gefährlich zu sein.


Das Erbe heute: Spuren der deutschen Einwanderer

Sichtbare Zeichen

Auch heute, mehr als hundert Jahre nach dem Ende der großen Einwanderungswelle, ist das deutsche Erbe in Wisconsin allgegenwärtig. Ortsnamen wie Berlin, New Berlin, Germantown, Kiel oder Stuttgart erinnern an die Herkunft der Gründer. Deutsche Fachwerkhäuser und Steinkirchen prägen die Architektur mancher Gemeinden. Die Brauereien, obwohl vielfach aufgekauft oder geschlossen, haben eine Tradition hinterlassen, die in der lebendigen Craft-Beer-Szene Wisconsins weiterlebt.

Das German Fest in Milwaukee, das jedes Jahr Ende Juli stattfindet, ist das größte deutsche Festival in Nordamerika. Hunderttausende Besucher kommen, um Bratwurst und Bier zu genießen, Volksmusik zu hören und Schuhplattler zu tanzen – eine Feier deutscher Kultur, die von den Nachfahren der Einwanderer ebenso besucht wird wie von neugierigen „Yankees“.

Auf den Spuren der Vorfahren

Für Nachfahren wie die weitverzweigte Nisius-Familie bietet Wisconsin reiche Möglichkeiten zur Spurensuche. Die Wisconsin Historical Society in Madison bewahrt Kirchenbücher, Zeitungen und Fotografien aus der deutschen Einwandererzeit. Die County Courthouses in Washington, Dodge und Ozaukee County enthalten Landkaufurkunden, Testamente und andere Dokumente, die das Leben der Vorfahren dokumentieren.

Online-Datenbanken wie FamilySearch und Ancestry haben Millionen von Dokumenten digitalisiert und zugänglich gemacht. US-Census-Einträge zeigen, wo die Familie lebte, wie groß sie war, welche Berufe ausgeübt wurden. Passagierlisten dokumentieren die Ankunft in Amerika. Friedhofseinträge – viele auf Deutsch verfasst – bezeugen das Ende eines Lebensweges.

Die Genealogie der Nisius-Familie ist Teil dieser größeren Geschichte. Jeder Eintrag in einem Kirchenbuch, jede Unterschrift auf einem Landdokument, jeder Name auf einem Grabstein erzählt von Menschen, die alles hinter sich ließen, um neu anzufangen – und die Wisconsin zu dem machten, was es heute ist.


Zusammenfassung

Das Leben der deutschen Einwanderer in Wisconsin war geprägt von harter Arbeit und großen Hoffnungen. Die Nisius-Familien und Hunderttausende andere verließen die Eifel, das Rheinland, Bayern und andere Regionen, um in der amerikanischen Wildnis neu anzufangen. Sie rodeten Wälder, bauten Farmen auf, gründeten Kirchen und Vereine, bewahrten ihre Kultur und integrierten sich gleichzeitig in die neue Heimat.

Über vier Generationen wandelte sich die Identität von „Deutschen in Amerika“ zu „Amerikanern mit deutschem Erbe“. Der Erste Weltkrieg beschleunigte diesen Prozess dramatisch, aber er konnte das Erbe nicht auslöschen. Bis heute prägen die deutschen Einwanderer Wisconsin – in der Landwirtschaft, in der Küche, in den Ortsnamen und Familiennamen, in einer Mentalität, die harte Arbeit und Gemeinschaftssinn verbindet.

Die Geschichte der Nisius-Familie ist ein Fenster in diese größere Geschichte. Sie zeigt, was Millionen deutscher Auswanderer erlebten: den Abschied von der Heimat, die gefährliche Überfahrt, die harten ersten Jahre, den langsamen Aufstieg zu bescheidenem Wohlstand, die Balance zwischen Bewahrung und Anpassung, und schließlich das Aufgehen in einer neuen, amerikanischen Identität – ohne das Alte ganz zu vergessen.

Wer heute in Wisconsin einen „Nisius“ trifft, kann davon ausgehen, dass irgendwo in der Ahnenlinie eine Reise liegt: Von den Weinbergen der Mosel durch die Straßen von Antwerpen oder Bremen, über den stürmischen Atlantik und die Kanäle der Great Lakes bis in die sanften Hügel Wisconsins. Der Name hat die Reise überlebt – auch wenn der Weingott Dionysos, von dem er sich ableitet, im Land der Brauereien wohl oder übel zum Biertrinker geworden ist.


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Quellen und weiterführende Informationen

Die Wisconsin Historical Society in Madison ist die zentrale Anlaufstelle für die Erforschung der deutschen Einwanderung nach Wisconsin. Ihre umfangreichen Archive enthalten Kirchenbücher, Zeitungen, Fotografien und persönliche Dokumente aus der Einwandererzeit. Online unter wisconsinhistory.org.

FamilySearch bietet kostenfreien Zugang zu digitalisierten Kirchenbüchern und anderen genealogischen Quellen aus Wisconsin. Besonders wertvoll sind die Sammlungen katholischer und lutherischer Gemeinden, in denen viele deutsche Einwanderer registriert wurden: familysearch.org.

Kathleen Neils Conzens Standardwerk Immigrant Milwaukee, 1836–1860 analysiert die deutsche Einwanderung nach Milwaukee und ihre Auswirkungen auf die Stadtentwicklung. Richard Sissons The American Midwest: An Interpretive Encyclopedia bietet einen breiteren Kontext für die deutsche Siedlung im Mittleren Westen.

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