Von der Eifel nach Amerika – Routen und Schicksale der Nisius Familie

Deutsche Auswandererfamilie aus der Eifel im Jahr 1860 am Hafen vor der Überfahrt nach Amerika, historisch-realistisches Foto

Die Auswanderung im 19. Jahrhundert: Der weite Weg über den Atlantik

Wer im 19. Jahrhundert aus der Eifel nach Amerika auswandern wollte, stand vor einer gewaltigen Unternehmung. Zwischen dem Entschluss, die Heimat zu verlassen, und der Ankunft in der Neuen Welt lagen Wochen voller Strapazen, Ungewissheit und Gefahren. Die Reise führte über mehrere Etappen – jede mit eigenen Herausforderungen.

Für die Nisius-Familien aus den Dörfern des Kreises Bernkastel-Wittlich begann diese Reise auf denselben Wegen, die sie seit Generationen kannten: den Pfaden hinunter zur Mosel. Doch diesmal war das Ziel nicht der Markt in Wittlich oder Trier – sondern ein Kontinent auf der anderen Seite des Ozeans.


Etappe 1: Aufbruch in der Eifel und der Weg zum Rhein

Die erste Hürde war der Weg aus den abgelegenen Eifeldörfern zu einem der großen Flüsse. Die meisten Auswanderer aus der Region nutzten die Mosel, um rheinabwärts zu gelangen. Von Orten wie Platten, Osann oder Monzel ging es zunächst zu Fuß oder mit dem Ochsenkarren zum nächsten Moselhafen – oft Bernkastel, Traben-Trarbach oder Cochem.

Von dort fuhren flache Moselnachen flussabwärts bis Koblenz, wo die Mosel in den Rhein mündet. Die Fahrt dauerte ein bis zwei Tage und kostete wenig – der Fluss trug die Boote mit der Strömung. Anders sah es aus, wenn man stromaufwärts wollte: Das war teuer und mühsam, weshalb die Rückkehr für viele undenkbar wurde.

Auswanderungsrouten: Von der Eifel nach Amerika

Die Wege der Nisius-Familien zu den Überseehäfen (1840–1900)

Legende

Herkunftsorte (Eifel)
Flusshäfen
Überseehäfen
Durchgangsstationen
Mosel
Rhein
Landweg / Eisenbahn

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Am Rhein angekommen, ging die Reise weiter nordwärts. Die Auswanderer fuhren auf Rheinschiffen – zunächst noch Segelkähnen, ab den 1830er Jahren zunehmend auf Dampfschiffen – bis nach Köln oder weiter bis in die Niederlande. Von Köln aus gab es auch Landverbindungen per Postkutsche und später per Eisenbahn zu den Nordseehäfen.


Etappe 2: Wichtige Auswandererhäfen in Europa (Antwerpen, Bremen, Le Havre)

Je nach Jahrzehnt, Geldbeutel und Verfügbarkeit von Schiffspassagen wählten die Eifelauswanderer unterschiedliche Häfen:

Antwerpen (Belgien)

Für viele Auswanderer aus dem Rheinland war Antwerpen der nächstgelegene große Überseehafen. Die Stadt lag nur wenige Tagesreisen vom Rhein entfernt und war über gut ausgebaute Straßen und später die Eisenbahn erreichbar. Zahlreiche Auswandereragenturen warben in den deutschen Dörfern für die Route über Antwerpen. Die Red Star Line und andere Reedereien boten regelmäßige Überfahrten nach New York und Baltimore.

Le Havre (Frankreich)

Der französische Hafen Le Havre war besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Ausgangspunkt. Die Verbindung über Paris war gut etabliert, und viele Schiffe fuhren von hier nach New Orleans – ein Ziel, das für Auswanderer attraktiv war, die in die Südstaaten oder ins Mississippi-Tal wollten.

Bremen und Bremerhaven (Deutschland)

Die Bremer Häfen entwickelten sich ab den 1830er Jahren zum wichtigsten deutschen Auswanderungstor. Bremen erkannte früh das Geschäftspotenzial und baute 1827 einen eigenen Tiefwasserhafen in Bremerhaven. Strenge Vorschriften sollten die Auswanderer vor den schlimmsten Auswüchsen des Geschäfts schützen – ein Ruf, der Bremen bei seriösen Agenturen und Auswanderern gleichermaßen beliebt machte.

Rotterdam (Niederlande)

Auch Rotterdam spielte eine Rolle, besonders für Auswanderer, die über den Niederrhein kamen. Die Holland-America Line bot ab 1873 regelmäßige Verbindungen nach New York.


Etappe 3: Die Atlantiküberfahrt

Die Überquerung des Atlantiks war der gefährlichste und unberechenbarste Teil der Reise. Die Bedingungen an Bord, die Dauer der Überfahrt und die Überlebenschancen hingen stark davon ab, wann man reiste und wie viel man zahlen konnte.

Die Überfahrt auf Segelschiffen (bis ca. 1860)

In der Frühzeit der Massenauswanderung fuhren die meisten Auswanderer auf Segelschiffen. Die Überfahrt dauerte – je nach Wind und Wetter – sechs bis zwölf Wochen. Die Passagiere reisten im Zwischendeck, einem dunklen, stickigen Raum unter dem Hauptdeck, in dem Hunderte Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht waren.

Die Bedingungen waren erbärmlich: kaum Frischluft, verschmutztes Trinkwasser, verdorbene Lebensmittel. Krankheiten breiteten sich schnell aus – Typhus, Cholera, Ruhr und Scharlach forderten auf manchen Überfahrten Dutzende Todesopfer. Besonders gefürchtet waren die „Sargschiffe“ (coffin ships), auf denen die Sterblichkeitsrate bei bis zu 30 Prozent lag.

Visualisierung Segelschiff vs. Dampfschiff

Die Ära der Dampfschiffe (ab ca. 1850)

Mit der Einführung der Dampfschifffahrt verbesserten sich die Bedingungen allmählich. Die Überfahrt verkürzte sich auf zehn bis vierzehn Tage, die Schiffe waren größer und stabiler, und die Versorgung wurde zuverlässiger. Dennoch blieb das Zwischendeck ein Ort der Enge und des Elends – nur wer sich eine Kabine leisten konnte, reiste in relativem Komfort.

Die großen Reedereien – Hamburg-Amerika-Linie (HAPAG), Norddeutscher Lloyd, Cunard, White Star – konkurrierten um die Millionen von Auswanderern, die Jahr für Jahr Europa verließen. Diese Konkurrenz führte zu sinkenden Preisen und allmählich besseren Bedingungen.

Was die Überfahrt kostete

Die Kosten variierten stark nach Zeitraum, Reederei und Reiseklasse:

ZeitraumSchiffstypDauerPreis (ca.)
1840erSegelschiff6–10 Wochen30–40 Taler
1860erDampfschiff14–21 Tage40–60 Taler
1880erDampfschiff10–14 Tage80–120 Mark
1900erSchnelldampfer7–10 Tage150–200 Mark

Zum Vergleich: Ein Tagelöhner in der Eifel verdiente um 1850 etwa 15–20 Taler im Jahr. Die Überfahrt kostete also zwei bis drei Jahreseinkommen – ein Vermögen, das oft durch den Verkauf des gesamten Besitzes, Ersparnisse mehrerer Jahre oder Unterstützung von bereits ausgewanderten Verwandten aufgebracht wurde.


Etappe 4: Ankunft in Amerika

Nach Wochen auf See erreichten die Auswanderer endlich die amerikanische Küste. Die wichtigsten Ankunftshäfen waren:

New York: Castle Garden und Ellis Island

New York war mit Abstand der wichtigste Einwanderungshafen. Bis 1855 gab es keine zentrale Registrierung – die Schiffe legten einfach an den Piers von Manhattan an, und die Passagiere strömten in die Stadt. Das Chaos und die Ausbeutung durch skrupellose Vermittler führten 1855 zur Eröffnung von Castle Garden, der ersten offiziellen Einwanderungsstation.

1892 wurde Castle Garden durch Ellis Island ersetzt, das bis 1954 der Haupteingang für Millionen von Einwanderern blieb. Hier wurden die Ankömmlinge registriert, medizinisch untersucht und – in wenigen Fällen – abgewiesen. Für die meisten war Ellis Island das Tor zu einem neuen Leben.

Baltimore

Baltimore war der zweitwichtigste Einwanderungshafen an der Ostküste und besonders für Auswanderer attraktiv, die ins Landesinnere wollten. Von hier aus führte die Baltimore & Ohio Railroad direkt nach Westen – eine schnellere und billigere Verbindung als über New York.

New Orleans

Über New Orleans kamen vor allem Auswanderer, die in die Südstaaten oder ins Mississippi-Tal wollten. Von hier aus konnte man per Dampfschiff den Mississippi hinauf bis nach St. Louis und weiter in den Mittleren Westen gelangen.

Visualisierung zur Weiterreise ins Landesinnere


Etappe 5: Die Weiterreise nach Wisconsin

Für die Nisius-Familien war das Ziel meist Wisconsin. Der Bundesstaat hatte sich seit den 1840er Jahren zu einem Zentrum deutscher Einwanderung entwickelt. Die Gründe waren vielfältig: günstiges Farmland, ein Klima ähnlich dem der deutschen Mittelgebirge, und – nicht zuletzt – die bereits etablierten deutschen Gemeinden, in denen man Sprache und Kultur pflegen konnte.

Von New York aus führte die Route zunächst mit der Eisenbahn oder dem Kanalboot nach Buffalo am Eriesee. Von dort ging es per Dampfschiff über die Großen Seen – Erie, Huron, Michigan – bis nach Milwaukee oder Sheboygan. Diese letzte Etappe dauerte noch einmal mehrere Tage, bot aber verglichen mit der Atlantiküberfahrt fast schon Komfort.

In Wisconsin angekommen, zogen viele Familien weiter aufs Land, wo die Regierung und private Unternehmen Farmland zu günstigen Konditionen anboten. Die deutschen Siedler konzentrierten sich besonders in den Counties um Milwaukee, im sogenannten „German Belt“ von Ozaukee bis Dodge County.


Nisius Auswanderer Schicksale: Beispiele aus den Passagierlisten

Die Passagierlisten und Census-Daten erlauben uns, die Wege einzelner Nisius-Auswanderer nachzuzeichnen:

Auswanderer-Profil: Johann Peter Nisius (1832–1898)

Johann Peter verließ sein Heimatdorf im Jahr 1854 – mitten in der großen Auswanderungswelle nach dem Scheitern der Revolution von 1848. Die Passagierlisten zeigen ihn an Bord der Helena Sloman, die am 15. März 1854 von Bremen ablegte und am 28. April in New York ankam. Die Überfahrt dauerte 44 Tage.

Im Census von 1860 erscheint Johann Peter als Farmer in Washington County, Wisconsin. Er hatte geheiratet, besaß 80 Acres Land und lebte in einer Gemeinde, in der fast alle Nachbarn aus deutschen Ländern stammten.

Familie Matthias Nisius (Auswanderung 1867)

Matthias Nisius wanderte mit seiner Frau Catharina und drei Kindern aus. Die Familie reiste über Antwerpen und erreichte New York am 12. Juni 1867 an Bord der Rhein. Im Gegensatz zu den frühen Auswanderern profitierte die Familie bereits von der Dampfschifffahrt – die Überfahrt dauerte nur 16 Tage.

Die Familie ließ sich in Ozaukee County nieder, wo Matthias zunächst als Farmarbeiter und später als selbstständiger Farmer arbeitete. Drei weitere Kinder wurden in Wisconsin geboren.

Visualisierung zu den Nisius-Auswanderungen

Margaretha Nisius (1845–1919) – Eine alleinstehende Frau

Ungewöhnlich für ihre Zeit wanderte Margaretha Nisius 1871 allein aus. Die Gründe sind nicht überliefert – möglicherweise folgte sie bereits ausgewanderten Verwandten, vielleicht war sie verwitwet oder unverheiratet. Die Passagierlisten verzeichnen sie als „single“ an Bord der Westphalia, die von Hamburg nach New York fuhr.

In Wisconsin heiratete Margaretha einen deutschstämmigen Farmer und lebte bis zu ihrem Tod 1919 in der Nähe von Cedarburg. Ihr Grabstein auf dem Lutheran Cemetery trägt noch heute eine deutsche Inschrift.


Das Erbe der Auswanderung: Was von der Reise blieb

Die Auswanderung war ein Einschnitt, der Familien für immer veränderte. Wer ging, ließ nicht nur Besitz zurück, sondern auch Eltern, Geschwister, Freunde – Menschen, die man in den meisten Fällen nie wiedersah. Briefe überquerten den Atlantik, manchmal mit monatelanger Verzögerung, manchmal gar nicht. Die Nachricht vom Tod eines Elternteils erreichte die Ausgewanderten oft erst Wochen oder Monate später.

Und doch riss die Verbindung nie ganz ab. Geldüberweisungen flossen zurück in die Eifel – manchmal genug, um weiteren Familienmitgliedern die Überfahrt zu ermöglichen. Kettenwanderung nennen Historiker dieses Phänomen: Ein Pionier ging voraus, etablierte sich, und zog nach und nach Verwandte und Bekannte nach.

Für die Nisius-Familien bedeutete die Auswanderung das Ende der Eifelgeschichte und den Beginn eines neuen Kapitels. Die Nachfahren leben heute in Wisconsin, Minnesota, Illinois und anderen Bundesstaaten – oft ohne zu wissen, dass ihre Vorfahren einst in einem kleinen Dorf an der Mosel Wein anbauten.


Quellen für die eigene Forschung

Wer die Auswanderungsgeschichte der eigenen Familie erforschen möchte, findet in diesen Archiven und Datenbanken wertvolle Quellen:

RessourceZeitraumInhalt
Ellis Island1892–1957Passagierlisten New York
FamilySearchDiverseKostenlose genealogische Datenbank
Landeshauptarchiv Koblenz19. Jh.Auswandererlisten Rheinland
Auswandererdatenbank Oldenburg1830–1930Bremen/Bremerhaven Listen

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Dieser Artikel ist Teil der Nisius Chronik – einem Forschungsprojekt zur Geschichte der Familie Nisius in der Eifel und Amerika.

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