Ein König als Namensvetter

Illustration zum Blogartikel: König Nisos von Megara mit lila Haarsträhne, Adler im Hintergrund und Schriftrolle mit Titel 'Die Sage'. Digitale Kunst von Heiko Nisius.

Die spektakuläre (und fast wahre) Geschichte hinter dem Namen

Jeder, der sich schon einmal mit der eigenen Ahnenforschung beschäftigt hat, kennt diesen einen geheimen Wunsch. Wir wälzen alte Kirchenbücher, entziffern unleserliche Handschriften und hoffen insgeheim auf den einen großen Fund, einen direkten Draht zum Adel, eine Verbindung zu einer historischen Größe oder zumindest ein kleines Schloss, das irgendwo in Vergessenheit geraten ist.

Nun, liebe Familie, haltet euch fest. Wir haben zwar kein Schloss gefunden, aber wenn wir großzügig über 3.000 Jahre Geschichte hinwegsehen und ein paar historische Lücken ignorieren, haben wir etwas viel Besseres entdeckt: König Nisos von Megara.

Ja, richtig gelesen. Es gibt eine Verbindung – und sie ist dramatisch, blutig und am Ende sogar ein wenig gefiedert. Hier ist die ausführliche Geschichte unseres antiken „Namensvetters“.

Die Ausgangslage: Eine im wahrsten Sinne „haarige“ Angelegenheit

Wir müssen weit zurückreisen, mitten hinein in das mythische Zeitalter Griechenlands. Nisos herrschte als König über die Stadt Megara, unweit von Athen. Er galt als fähiger Herrscher, doch seine wahre Macht lag nicht in seiner Armee oder seinem Reichtum, sondern an einem eher ungewöhnlichen Ort: auf seinem Kopf.

Inmitten seines mittlerweile grauen Haares wuchs eine einzelne, leuchtend purpurne Locke. Sie war mehr als nur ein modisches Statement der Antike. Ein Orakel hatte eine schicksalhafte Prophezeiung ausgesprochen:

„Solange diese Locke auf deinem Haupte verweilt, wird deine Stadt niemals fallen.“

Man kann sich vorstellen, wie vorsichtig unser König beim Haareschneiden gewesen sein muss. Nisos war dank dieser Frisur quasi unbesiegbar.

Das Drama: Liebe, Verrat und eine verhängnisvolle Schere

Doch wie in jeder guten griechischen Tragödie nahte das Unheil, und zwar in Gestalt eines Mannes: König Minos von Kreta. (Ja, genau der Minos mit dem Labyrinth und dem Minotaurus). Minos wollte Megara erobern und belagerte die Stadt.

König Nisos hatte eine Tochter namens Skylla. Und hier nahm das klassische Teenager-Drama seinen Lauf, das jeden heutigen Familientherapeuten in den Wahnsinn treiben würde. Von den hohen Stadtmauern aus beobachtete Skylla die Kämpfe. Dabei fiel ihr Blick auf den feindlichen Anführer Minos, der unten in seiner glänzenden Rüstung paradierte.

Statt ihren Vater anzufeuern, verliebte sie sich unsterblich in den Feind. Um das Herz des kretischen Königs zu gewinnen, fasste sie einen Plan, der an Dramatik kaum zu überbieten ist: Sie beschloss, ihm den Sieg zu schenken.

In einer dunklen Nacht schlich sie sich in das Schlafgemach ihres Vaters Nisos. Während er schlief, zückte sie eine Schere und – schnipp – schnitt die magische Purpurlocke ab.

Das bittere Ende und die Moral von der Geschicht‘

Der Plan funktionierte – zumindest teilweise. Am nächsten Morgen fiel die Stadt Megara, da der magische Schutz gebrochen war. Skylla rannte triumphierend mit der abgeschnittenen Locke zu Minos, in der festen Erwartung, nun eine königliche Hochzeit zu feiern.

Minos erwies sich überraschenderweise als Mann mit Prinzipien. Er war entsetzt über diesen Vaterverrat und stieß sie angewidert zurück:

„Verschwinde, du Schande der Götter! Meine Welt, Kreta, soll niemals von dir betreten werden.“

Minos ließ die Segel setzen und fuhr davon. Skylla, nun völlig verzweifelt und verrückt vor unerwiderter Liebe, sprang ins Wasser und klammerte sich an das Heck seines Schiffes.

Die Verwandlung: Warum wir heute fliegen

Genau in diesem dramatischen Moment griffen die Götter ein, wie der Dichter Ovid in seinen berühmten Metamorphosen beschreibt. König Nisos, der durch den Verrat seiner Tochter gestorben war, wurde nicht in die Unterwelt geschickt.

Stattdessen verwandelten ihn die Götter in einen Seeadler (in späteren Übersetzungen und der biologischen Nomenklatur oft ein Sperber). Mit neuem Gefieder und scharfen Krallen stürzte er sich sofort auf die Verräterin, die immer noch am Schiffsheck hing.

Skylla ließ vor Schreck los und wurde ebenfalls verwandelt – in einen kleinen Vogel namens Ciris. Und so endet die Geschichte nicht mit dem Tod, sondern mit einer ewigen Jagd: Bis heute jagt der Adler Nisos den kleinen Vogel Skylla über die Meere. Rache ist eben ein Gericht, das am besten gefiedert serviert wird.

Illustration der griechischen Sage: König Nisos (als mächtiger Seeadler) jagt seine Tochter Skylla, die sich gerade am Bootsrand in einen weißen Seevogel verwandelt. Digitale Kunst von Heiko Nisius.
Dramatisches Finale der Sage: König Nisos verfolgt als Seeadler die verräterische Skylla, deren Verwandlung in einen Vogel hier beginnt.

Was hat das mit uns zu tun?

Vielleicht fragt ihr euch jetzt: Was hat eine 3.000 Jahre alte Sage mit uns zu tun? Auch wenn wir keinen lückenlosen Stammbaum bis nach Megara zeichnen können (leider sind die Kirchenbücher aus der Bronzezeit etwas lückenhaft), haben wir doch eine bleibende Verbindung.

Der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné kannte diese Sage sehr gut. Als er den europäischen Sperber wissenschaftlich klassifizierte, erinnerte er sich an unseren König und gab dem Vogel ihm zu Ehren den Namen:

Accipiter nisus

Wenn ihr also das nächste Mal im Garten sitzt und einen Greifvogel seht, der besonders hartnäckig und vielleicht etwas grimmig eine Beute jagt: Grüßt ihn freundlich. Es könnte ein entfernter „Verwandter“ sein, der auch nach Jahrtausenden noch schlechte Laune wegen einer missglückten Frisur hat.

Visualisierung des Nisius Dreiecks


Weiterlesen


Quellen & Zum Weiterstöbern

Wer die ganze Geschichte im Original nachlesen möchte (oder seine Latein-Kenntnisse auffrischen will), wird hier fündig:

  • Der Klassiker: Gustav Schwab, Die schönsten Sagen des klassischen Altertums.
    (Ein besonderer Tipp: Werft mal einen Blick in eure Bücherregale. Viele von uns haben diesen Klassiker vielleicht noch von den Großeltern im Schrank stehen – so wie ich mein Exemplar, das ich als Grundschüler von meiner Oma bekam. So verbinden sich die alten Sagen mit unserer eigenen Geschichte.)
  • Das Original: Ovid, Metamorphosen, Buch VIII.
  • Der Namensgeber: Carl von Linné, Systema Naturae (Erstbeschreibung des Accipiter nisus).
  • Die Poesie: Vergil, Georgica, Buch I.
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